Wenn man an Wassergärten denkt, kommen einem zuerst Monets Gemälde «Wassergarten in Giverny», Versailles und andere großartige Gärten in den Sinn, die ohne ihre künstlichen Wasserspiele, Springbrunnen und Teiche undenkbar wären. Wasser macht einen wesentlichen Teil ihres Zaubers aus. Andere Gärten beziehen natürliche Seen, Flüsse und Wasserfälle sowie Felsen mit Ausblicken auf Inseln im Meer oder Seen in die Gestaltung mit ein.
In jeder Stilepoche der Gartengeschichte wurde mit Wasser als Gestaltungselement experimentiert, von den kühlenden Rinnen der persischen Paradiesgärten bis zu den weiten Landschaftsgärten. Wasser bestimmt den Charakter der formalen Gärten der Renaissance, der Naturgärten in Schottland, denen viktorianische Gärtner mit Rhododendren das Aussehen von Himalayaschluchten gaben. In japanischen Gärten wird das fließende Wasser durch trockene Bachbetten und Kaskaden nur angedeutet, in anderen Gärten stürzen wiederum mächtige Wasserfälle bergab, natürlich oder künstlich angelegt. Die Gestaltung von Wassergärten brachte auch eine ganz eigene Architektur mit sich: Bootshäuser, Pavillons und Brücken, mit Muscheln verzierte Höhlen und Grotten.
Schon bei den alten Wüstenkulturen – Ägypter, Sumerer und Assyrer – stand das Wasser hoch im Kurs, denn es war
selten und kostbar. In Assyrien, im 7. Jahrhundert v. Chr., floss das Wasser aus einem Sumpfgebiet über ein Aquädukt in den Garten von Sanherib in Ninive. Nebukadnezar II., einer seiner Nachfolger, schuf die Hängenden Gärten der Semiramis, eines der sieben Weltwunder. Vermutlich wurde das Wasser mit einer Schraube aus dem Euphrat in die Höhe transportiert.
Ein typischer persischer Garten wurde durch zwei gerade Wasserrinnen in vier Quadranten geteilt. Dieser Stil wurde von der ganzen arabischen Welt übernommen; er taucht in den maurischen Gärten Spaniens auf und breitete sich nach Osten bis in die Mogul-Gärten Indiens aus. Auch die Gärten des Römischen Reiches waren von dieser strengen Formalität beeinflusst; Kanäle und Rinnen trennten formal gestaltete Beete voneinander ab, und rund um die Innenhöfe verliefen schattige Säulengänge.
Die Klostergründungen des Mittelalters griffen auf die Erfahrungen mit römischen Gartenkonzepten zurück. Ihre Kreuzgänge waren schattige Säulengänge mit herrlich verzierten Säulen um einen Garten mit zentral gelegenem Brunnen.
Ganz im Unterschied dazu spielte die Natur in den Wassergärten Chinas und Japans eine maßgebliche Rolle. Dank der ausreichenden Wasserversorgung durch Regen und Flüsse gingen chinesische Gartenkünstler entsprechend großzügig mit dem Wasser um. Die japanischen Gärten sind zwar durch den Naturalismus Chinas inspiriert, allerdings in deutlich kleinerem Maßstab. Für das naturalistisch schöne Aussehen der kleinen Seen und Teiche sorgte eine sorgfältige Bepflanzung. Pittoreske Inselchen und winzige Kaskaden erhoben den Wassergarten zur Kunstform. Ähnlich wie in China hatte das Wasser auch eine spirituelle Bedeutung: Es war in realer oder metaphorischer Form eines der Schlüsselelemente jeden Gartens.
Auch in den islamischen und europäischen Ländern wurde die Schwerkraft genutzt, um Wasser zu bewegen. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel aus der Renaissance ist der Garten der Villa d´Este in Italien (17. Jahrhundert). Die klassischen Gärten der italienischen Renaissance mit ihren perfekten Proportionen und ihrer Symmetrie breiteten sich im folgenden Jahrhundert in ganz Europa aus. In Frankreich stattete André Le Notre, der Gärtner des Sonnenkönigs Ludwig XIV., seine erstaunlichen Gärten von Versailles und Saint-Cloud mit verschwenderischen Wasserspielen aus. Die gewaltige 90 Meter hohe Kaskade von Saint-Cloud, geschaffen von Antoine Le Pautre, blieb ebenso erhalten, wie die 24-stufige Kaskade in Chatsworth (Derbyshire), die M. Grillet, ein Schüler von Le Notre, für den Herzog von Devonshire am Ende des 17. Jahrhunderts entwarf.
Die letzten großartigen Wassergärten in Westeuropa wurden im Stil der Landschafts- und Romantischen Gärten
geschaffen. Um die idealen, künstlichen Landschaften zu erschaffen, sind viele Arbeitskräfte und noch mehr Zeit erforderlich, um die großen Seen auszuheben, die Geländeformen zu modellieren und Flüsse zu teilen. Danach kamen die «Verschönerungen», die vor allem durch die Gemälde klassischer Landschaften von Claude Lorrain und Gaspard Poussin inspiriert waren. Bootshäuser, Belvederes und Pavillons nahe am Wasser dienten entweder aus der Ferne als Blickpunkte oder wurden als Aussichspunkte aufgesucht.
Im Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert wandelte sich der Geschmack: Man wollte wieder echte Natur. Raue, wilde Landschaften wie die Schottischen Highlands oder die Schweizer Alpen verloren ihren Schrecken und wurden zu Vorbildern für großartige, romantische, der Natur nachempfundene Gärten und Parks. Der Maler und Schriftsteller John Ruskin, der am Ufer des Coniston Sees in Brantwood lebte, ließ sich eine «Gondel» bauen und fuhr mit Motorkraft über den See. Inzwischen hat der National Trust die Gondel nachbauen lassen und erlaubt Besuchern, auf den Spuren des Dichters den See zu befahren.
Mit der Industriellen Revolution nahm die Bedeutung des Wassers in den Gärten ab. Wasser – einst ein Zeichen von Luxus und Verschwendung – wurde durch Dampfmaschinen und später den elektrischen Strom zu einem allgemein zugänglichen und beherrschbaren Gut. Es war keine technische Meisterleistung mehr, eine 150 Meter hohe Fontäne zu betreiben, man legte einfach einen Schalter um. Ein viktorianischer Gartenbesitzer verlangte andere Blickpunkte: komplizierte und sehr arbeitsintensive Beete mit einjährigen Sommerblumen, die im Gewächshaus angepflanzt wurden. Wasser spielte aber als Gestaltungselement im Garten nur noch eine untergeordnete Rolle.
In jüngster Zeit erleben Wassergärten jedoch eine Renaissance. Formale Wasserkaskaden, die aus den Gärten verschwunden waren, werden gezielt wieder eingesetzt. Man begriff, dass es keinen Landschaftsgarten braucht, um Wasser wirkungsvoll in Szene zu setzen. Wenn Wasser aus Urnen im italienischen Stil in einen formalen Teich fließt, passt das sehr wohl in einen Stadtgarten. Und wer träumt nicht von einem Pool oder Schwimmbecken in seinem Garten? Auch das wird von vielen modernen Designern heute in die Gartengestaltung mit eingebunden.
Mehr zum Thema Wassergärten kann in dem Buch «Wassergärten» von Leslie Geddes-Brown nachgelesen werden. Vor allem aber ist es eine faszinierende Reise durch über 30 herausragende Wassergärten auf der ganzen Welt.


