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Leseprobe GartenTour / Rubrik: Editorial

Eine Liebeserklärung an die Natur

Die Aufmerksamkeit, die wir der Natur schenken, entsprang zunächst der Notwendigkeit – die Jäger und Sammler ließen sich nieder und begannen mit Ackerbau und Viehzucht. Doch „der Mensch lebt nicht vom Brot allein“, er braucht auch Nahrung für die Seele.

Und so wurden nicht nur Getreide und Gemüse gezüchtet, sondern auch Blumen, deren einziger Nutzen in ihrem Aussehen lag, in ihrem Duft, in der Aufgabe, den Menschen zu erfreuen.
Natürlich gibt es noch andere Dinge, die uns mit ihrer Schönheit Freude bereiten – Skulpturen, Musik, Gemälde. Doch von der Natur geht ein ganz besonderer Zauber aus und der liegt wohl in ihrer Unberechenbarkeit. Sie ist gleichzeitig verletzlich und grausam, manchmal eigensinnig und dann wieder vorhersehbar. So, als wollte sie uns etwas mitteilen: Nehmt mich nicht als Selbstverständlichkeit hin, ich will umworben und geschätzt werden. Wer dieser Faszination einmal erlegen ist, kann sich ihr nur schwer wieder entziehen.

Echte Zuneigung kennt viele Formen
Wie äußert sich denn nun diese Liebe zur Natur? So vielfältig, wie die Liebe eben ist. Zunächst lässt sich die Natur natürlich im Großen und im Kleinen genießen. Ein Tulpenmeer im Frühling, ein schattiger Wald im Sommer, bunte Laubhaufen im Herbst oder schneebedeckte Beeren im Winter. Da kann man schon ins Schwärmen geraten und möchte vor Begeisterung Mutter Natur umarmen. Im Kleinen wird es persönlicher: Da gibt es den Perfektionisten, der seine Zeit mit dem Schaffen von Bonsais verbringt und damit ein Abbild der Natur, die Perfektionierung der Natur schaffen will. Der Ursprüngliche freut sich über jede Ausrede, um in der Erde zu wühlen. Der Mutige kombiniert ohne Angst Farben und Formen und das oft jedes Jahr aufs Neue. Der Vernünftige pflanzt Obstbäume und betreibt einen Gemüsegarten, wahrscheinlich wird aber auch er nicht auf die eine oder andere „nutzlose“ Pflanze verzichten. Der Realist wählt ein simples Gartendesign und pflegeleichte Pflanzen. Das ist bei manchem allerdings auch der Anfang vom Ende, denn viele entdecken ihre Liebe zur Natur mit der ersten „praktischen“ Pflanze und finden sich Jahre später mit den unvernünftigsten und anspruchsvollsten Schönheiten wieder. Und dann gibt es natürlich noch die Spezialisten. Nicht umsonst gibt es „Liebhaber“-Gesellschaften für eine große Anzahl von Pflanzen. Da wird gesammelt, getauscht, gezüchtet und die eigenen Schätze werden eifersüchtig bewacht und vor Schmähungen beschützt wie eine Geliebte. Für die echten Pflanzenenthusiasten ist es also eine passende Bezeichnung: Liebhaber.

Auch Abneigung schafft Leidenschaft
Sicher kann man die Schönheit eines Gartens oder einer einzelnen Pflanze einfach nüchtern als Kunstwerk oder eine Ansammlung von Grün betrachten. Und ganz nach Geschmack gefällt es oder eben nicht. Doch eine echte Leidenschaft entsteht erst aus Liebe. Oder aber aus einer starken Abneigung – und in diesem Fall hat wohl jeder Gärtner auch eine gewisse Leidenschaft für Schnecken und so manch anderes Kleingetier. Und die gehören genauso
zum kapriziösen Charakter der Natur: „Züchte und pflege ruhig, soviel du willst. Wenn mir danach ist, werde ich dir einfach mal ein paar Schnecken in den Garten setzen.“ Und da sie uns mit so viel Schönheit erfreut, kann man ihr für ihren Eigensinn noch nicht einmal wirklich böse sein. In diesem Sinne: viel Spaß im neuen Gartenjahr und die eine oder andere interessante Neuentdeckung, aus der vielleicht eine Liebschaft entsteht.


Catherina Ruffing
Gräfin Bernadotte af Wisborg


Foto: Angelika Wolter/pixelio.de

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