Damit steht sie auf einer Stufe mit der Chinesischen Mauer, den Pyramiden von Gizeh, der Freiheitsstatue und weiteren knapp 900 Denkmälern in fast allen Ländern der Erde. Was hat dies aber nun mit einem Garten zu tun?
Im Jahr 2009 wurde das Gelände der stillgelegten Kokerei im Weltkulturerbe Völklinger Hütte, das über 20 Jahre sich selbst und der Natur überlassen war, für den Besucherverkehr geöffnet. Der vollmundige Name des neuen Areals: Paradies. Nun mag man darüber streiten, ob dieser Begriff im Zusammenhang mit Stahl und Beton gerechtfertigt ist. Wenn man sich aber genauer damit beschäftigt, wird der Zusammenhang schnell klar. Als die Hütte noch in Betrieb war, war die Arbeit in der Kokerei von wahrhaft «höllischen» Arbeitsbedingungen geprägt: Feuer, Rauch, Hitze und Schmutz. Seit der Stilllegung hat die Natur das Regiment übernommen und das über drei Hektar große Gelände Stück für Stück zurückerobert. Goldrute, Schmetterlingsstrauch, Birke und viele andere geben sich ein Stelldichein und schaffen Lebensräume für Schmetterlinge, Eidechsen und Frösche. Ja, sogar Eisvogel und Turmfalke fühlen sich zwischen den ehemaligen Koksbatterien wohl. Es ist also sicher nicht zu hoch gegriffen, von paradiesischen Zuständen zu sprechen.
Die große Herausforderung ist es nun natürlich, diesen wilden Naturgarten der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und dem Besucher die einzigartige, oft spröde Schönheit und die ökologischen Zusammenhänge zu vermitteln, ohne dabei das gewachsene Gefüge zu zerstören. Die natürliche Sukzession, durch die Pflanzen und Tiere Dächer, Schutthaufen und alte Teerbecken in Besitz genommen haben, soll erlebbar und begreifbar werden. Dafür soll sie einerseits in ihrer Entwicklung nicht gestört werden, doch ist es andererseits auch notwendig, an der einen oder anderen Stelle regulierend einzugreifen. So lassen sich die verschiedenen Stadien der Sukzession darstellen und durch behutsame Pflege erhalten. Der Besucher erhält einen Eindruck davon, wie sich die Natur erst zaghaft und dann mit immer größerem Nachdruck auf einer brachliegenden Industriefläche ausbreitet. Vorrang bei allen Überlegungen hat selbstverständlich immer die Sicherheit der Öffentlichkeit, denn die Zeit hat nicht nur wundervolle Oasen entstehen lassen, sondern auch tüchtig an der Substanz der Gebäude genagt. Dezente Geländer leiten den Besucher durch die Kokerei, wobei sie durch ihre moderne Formensprache optisch in den Hintergrund treten und das Gesamtbild des alten Industriegeländes möglichst wenig verfälschen.
Auf diese Weise wurde ein Ort geschaffen, der auf wunderbare Weise zwei Gegensätze verbindet: Industrie und Natur. Die gewaltigen Kohletürme und Koksbatterien, Schornsteine und Gleisanlagen sind für sich genommen bereits beeindruckend, zeugen sie doch auch heute noch von Erfindergeist und Betriebsamkeit. Doch was einen wirklich in den Bann zu ziehen vermag, ist die unbändige Kraft und gleichzeitig stoische Ruhe, mit der die Natur ans Werk gegangen ist und diese von Menschenhand geschaffene Industrieanlage in ein Kunstwerk der ganz besonderen Art verwandelt hat.
Von August bis Oktober verzaubert die Kanadische Goldrute (Solidago canadensis) das Gelände in ein gelbes Blütenmeer, im Juni gesellt sich der Schmetterlingsstrauch (Buddleja davidii) mit seinen violetten Rispen dazu. Daneben bringen sich auch wilde Astern und Acker-Senf (Sinapis arvensis) in den Blütenreigen ein, hier und da findet man sogar Glockenblumen (Campanula). Im Herbst schließlich strahlt das gelbe Laub der Hänge- Birke (Betula pendula) auf den Dächern, begleitet von den orangefarbenen Blättern der Zitter-Pappel (Populus tremula). Waldrebe (Clematis vitalba) und Brombeeren (Rubus fruticosus) wollen da natürlich nicht zurückstehen und bewachsen Mauerkronen und Gräben, die sie im Sommer mit ihren weißen Blüten bedecken. In den tiefer gelegenen Gleis anlagen und um die alten Teer- und Klärbecken herum haben sich Farne und andere schatten- und feuchtigkeitsliebende Pflanzen angesiedelt und in den Becken selbst schwimmen Wasserlinse (Lemna minor) und Laichkraut (Potamogeton crispus). So kann ein Rundgang durch das «Paradies» leicht zu einer botanischen Exkursion werden, man muss nur die Augen offenhalten.
Das Wechselspiel von Stahl und Beton mit zartem Grün und bunten Blüten birgt eine besondere Spannung in sich, die zum Entdecken aber auch zum Nachdenken anregt. Lassen Sie sich also ruhig mal auf eine etwas andere Art der Ästhetik ein und finden Sie Schönheit dort, wo man sie eigentlich kaum vermutet.
Catherina Ruffing Gräfin Bernadotte af Wisborg





