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Leseprobe GartenTour / Rubrik: Genuss im Grünen

Ernten unbedingt erwünscht

Ein Besuch in der Essbaren Stadt Andernach

Am Rhein zwischen Bonn und Koblenz hat die historische Stadt Andernach neue Gartenwege beschritten: Öffentliche Grünanlagen wurden mit Obst bepflanzt, Blumen durch Gemüse und Kräuter ersetzt. Am bemerkenswertesten aber ist, dass sich jedermann hier bedienen darf. Denn pflücken ist in der Essbaren Stadt ausdrücklich erlaubt.

Alles begann 2008 vor den Toren Andernachs, als Langzeitarbeitslose in einem Qualifizierungsprojekt der Beschäftigungsgesellschaft Perspektive ein Gelände nach den Prinzipien der Permakultur gestalteten. Dabei schufen sie einen Erholungsraum, der Besuchern dermaßen gut gefiel, dass die Kombination aus Freizeit und landwirtschaftlicher Nutzung kurzerhand in die Innenstadt transferiert wurde. Seitdem spazieren die Bürger nicht mehr an Blumenbeeten vorbei, sondern an Obst und Gemüse und statt „Betreten verboten“ heißt es nun „Pflücken erlaubt“.
„Zum Auftakt haben wir damals 101 verschiedene Tomatensorten gepflanzt“, sagt Karl Werf, Geschäftsführer der Perspektive, vor dessen eigenem Bürofenster Kräuter in üppigen Büscheln wachsen. „Danach haben wir immer mehr Gemüsesorten angebaut und das Areal sukzessive erweitert.“ Erweitert bedeutet, dass inzwischen die Balkone des Rathauses ebenso inbegriffen sind wie die historische Stadtmauer, ihre Türme, der Schlosshof, etliche Gassen, Straßen, Plätze und sogar Baumscheiben. „Selbst das Straßenbegleitgrün haben wir im Zuge der Essbaren Stadt geändert“, sagt Werf, „und Blumenbeete durch dauerhafte Stauden ersetzt.“ Was anfangs belächelt wurde, zeigt sich heute an Kreisverkehren und Straßenrändern als farbenfrohe Augenweide, die durch besonders trockenresistente Arten für reduzierten Wasserverbrauch und Pflegebedarf sorgt und damit den Aufwand für das Obst und Gemüse wieder wettmacht.

Fokus auf Vielfalt
Zum Obst, das beim Flanieren entlang der Stadtmauer zum Naschen einlädt, gehören allerlei heimische Beeren, Birnen und Äpfel, aber auch verführerische Exoten wie die Indianerbanane, die Bitterorange oder gar die chinesische Dattel. Daneben locken Fruchtgehölze, die auf Schiefertafeln namentlich benannt werden, Esskastanien etwa, Mispeln und Quitten oder auch Jostabeeren. Am Durchgang zum Schlosshof schließlich verströmt blauschimmernder Rotkohl zwischen goldgelben Zucchiniblüten sein würziges Bukett. Nur wenige Meter weiter gedeihen im ehemaligen Schlossgraben Salatköpfe, Kohlrabi und Kartoffeln, während sich im Windhauch die goldenen Ähren des städtischen Getreides wiegen und im Hintergrund Bienen surren, deren Honig ebenfalls Teil der Essbaren Stadt ist.
Jedes Jahr liegt der Fokus auf einem anderen Obst oder Gemüse, stets in Verbindung mit Biodiversität und einem speziellen Blick auf den Erhalt alter Sorten. Salat in all seinen Variationen bildet den diesjährigen Mittelpunkt und wird ergänzt um eine weitere Besonderheit, nämlich das Bier aus dem Hopfen, der 2017 Pflanze des Jahres war und nun zum sogenannten Andernacher verarbeitet wurde. Wein wird in der Essbaren Stadt nicht hergestellt, dazu gibt es Weinberge und Kooperationen im benachbarten Leutesdorf. Die saftigen hellen Trauben, denen man in Andernach an den massiven Mauern des Schlossturms in reichlicher Fülle begegnet, sind nur zum Verzehr da (Auszug)

Silke Mayer (Text und Foto)


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